|
|
Das Schmale Haus in Eisenach
Am Johannisplatz im Stadtzentrum von Eisenach befindet sich das wahrscheinlich schmalste bewohnte Fachwerkhaus Deutschlands.
Es hat eine Breite von nur 2,05 Meter. Die Grundfläche dieses kuriosen Gebäudes beträgt 20 m². Immerhin ist es 8,50 Meter hoch und hat zwei Stockwerke.
Das genaue Baudatum ist nicht bekannt, geschätzt wird ein Alter von weit über 250 Jahre.
Eindeutige baugeschichtliche Erkenntnisse gibt es erst von Ende des neunzehnten Jahrhunderts an.
Am 4. Dezember 1900 steht in der EISENACHER TAGESPOST folgendes zu lesen:
"Eine Sehenswürdigkeit der Stadt Eisenach wird in der Regel vom Schwarm der Touristen kaum beachtet. Die meisten begnügen sich damit, die Wartburg zu besuchen. Eisenach aber besitzt eines der kleinsten oder das kleinste Haus der zivilisierten Welt. ...Hohe stattliche Gebäude werden es bald einengen. Dann wird seine winzige Erscheinung mehr Beachtung finden, als dies bisher geschah."
Und in Nr.: 60 der Zeitung vom 12. März 1903 findet sich folgende Notiz:
"Das Köhlersche Häuschen am Johannisplatz, das wegen seiner winzigen Dimensionen in vielen illustrierten Zeitungen Deutschlands verewigt worden ist, wird eine neue Fassade erhalten. Mit den erforderlichen Arbeiten ist heute begonnen worden."
Ehe allerdings damals diese Gründerzeitfassade mit Jugendstilelementen errichtet werden konnte, ging ein langer Kampf des Hauseigentümers um den Erhalt des Häuschens voraus. Als auf den angrenzenden Grundstücken nach dem Abbruch der alten Gebäude hohe stattliche Bürgerhäuser errichtet werden sollten, hätten die Bauherren und der Stadtrat es am liebsten gesehen, wenn das unansehnliche Häuschen beseitigt worden wäre.
Sein Besitzer, der Hoteldiener und Portier Wilhelm Köhler, führte aber einen zähen Papierkrieg mit den zuständigen Behörden. "Einem Abriss meines Hauses werde ich nie zustimmen!"
Er verlangte als Abschreckung bei einem eventuellen Verkauf die völlig unrealistische Kaufsumme von zehntausend Goldmark.
Als die Nachbarn und Behörden aufgrund ständig neu entdeckter Mängel auf einen Abriss drängten, machte er ihnen in einem langen Briefwechsel deutlich,
dass Mängel an einem Haus zwar beanstandet und dann behoben werden müssten, aber kein Grund für einen Abriss wären.
Er schreibt, dass das Haus schon über einhundertundfünfzig Jahre alt sei und er es für seine Schwester und sich erhalten möchte.
Der Gemeindevorstand der Residenzstadt Eisenach wies seine Eingaben zurück und stimmte auch einer Neugestaltung der Fassade nicht zu.
Wilhelm Köhler wandte sich daraufhin an den Großherzoglichen Bezirksdirektor und an das Großherzogliche Staatsministerium in Weimar. In seinen Briefen betont der Hoteldiener, dass er kein streitsüchtiger Mann sei, aber sein Recht haben wolle.
Und am Ende siegte er.
Das Haus blieb erhalten und die, von ihm vorgeschlagene Neugestaltung der Fassade
- so, wie sie sich heute noch darstellt - wurde ausgeführt. Dabei mussten auf Veranlassung des Gemeindevorstandes "die Licht- Luft- und Abortverhältnisse" verbessert werden.
Der Hofzimmermeister Gustav Voigt hat dem Hoteldiener und Hauseigentümer tüchtig beigestanden.
Im April 1903 waren alle Umbauten abgeschlossen und
vom Stadtbaudirektor abgenommen worden.
Nach den Vorgängen aus den Jahren 1902/03
ist in den Bauakten viele Jahre nichts mehr vermerkt.
Der Eingangsbereich des Häuschens diente aber
lange Zeit als Verkaufslokal für Obst und Gemüse.
1937 stellte die spätere Besitzerin Luise Fritsch einen Antrag
auf Anbringung einer vier Meter langen und ein
Meter breiten Fahne mit der Aufschrift
"Obst, Gemüse, Südfrüchte" zu gewähren.
Das Baupolizeiamt lehnte ab,
"da durch die Anbringung eine Verunstaltung
des Straßenbildes eintreten würde".
Im Jahre 1941 wird im Schriftwechsel mit dem Baupolizeiamt
in Eisenach wegen eines Neuanstrichs der Fassade
von dem sogenannten schmalen "Handtuch" gesprochen.
1974 erwarb der jetzige Besitzer, Klaus Trippstein, das Gebäude
in einem absolut desolaten Zustand.
Mit tatkräftiger Unterstützung von Freunden und
Bekannten wurde es vor dem Verfall und einem
erneut geplanten Abriss gerettet.
Gäste Eisenachs bestaunen und bewundern
immer wieder die 1983 liebevoll restaurierte
Fachwerkfassade, die im Jahr 2000 eine fachgerechte Sanierung erfahren hat.
Seit 1991 befindet sich im Haus eine kleine Ausstellung von Bildern, Kleinplastiken, Keramik und historischen Einrichtungsgegenständen.
|
|